Das kleine Feuer

Die Beduinen in der Wüste machen immer nur ein kleines Feuer. Je öfter ich ihnen zusah, umso nachdenklicher wurde ich.

Warum ein kleines Feuer? In der Wüste gibt es nur wenig Brennbares, da und dort ein paar verdorrte Äste oder Zweige. Die Beduinen sammeln sie sorg-fältig ein, sie wissen: die Ressourcen sind begrenzt und die Wüste ist streng, die Folgen der Verschwendung werden schnell spürbar.

Nur ein kleines Feuer? Ein kleines Feuer ist menschlich und freundlich, für das alltägliche Leben ist es nützlicher als ein Großfeuer. Auf das kleine Feuer kann man den Teekessel stellen, am kleinen Feuer kann man Brotfladen backen, um das kleine Feuer können Menschen sich im Kreis versammeln, sich unterhalten und erzählen; das kleine Feuer spendet Wärme und Licht ohne gefährlich zu werden.

Was war da noch? Für ihr Feuer verwenden die Beduinen nur ganz trockenes Holz; es brennt gut und erzeugt wenig Rauch. Man könnte auf den Gedanken kommen zu sagen: Es ist Holz, das gerne brennt, das hoch motiviert ist. Es ist voller Energie, lange Zeit war es der glühenden Sonne, dem Wind, dem Regen und den kalten Nächten ausgesetzt.

Und die Beduinen schichten das Holz für das Feuer sorgfältig aufeinander: Holz brennt gut, wenn die Äste locker und doch nahe genug beieinander liegen. Die Äste brauchen sich gegenseitig. Nur miteinander können sie ihre ganze Kraft entfalten. Ein einzeln liegender Ast erlischt schnell.

Außerdem lieben die Beduinen reines Feuer: Gedankenlos werfe ich ein Tempotaschentuch ins Feuer. Sofort entfernt es Salim wieder aus der Glut:

Es gehört nicht in das Feuer, es verunreinigt die klare und saubere Luft der Wüste. Reine Luft ist etwas Heiliges, das heißt: sie gehört Allen, sie ist der Lebensatem für uns alle, für Pflanzen, Tiere und Menschen.

Das kleine Feuer - ein einfaches und reiches Bild; es kann uns helfen, das Wesentliche ins Auge zu fassen und unsere Bestimmung als Menschen zu erkennen. Einige Jahrzehnte sind wir im Lauf unseres Lebens unterwegs, lateinisch „in via".  Und wir treffen Menschen, die auch unterwegs sind, die aber keinen Tee, kein Brot und keine Geborgenheit am Feuer finden. Ihnen zu helfen war er Anfang von IN VIA - und ihnen immer neu zu helfen ist unser Auftrag heute.

Gilbert Niggl

geistlicher Beirat (1997 - 2009)