IN VIA Landesverband Bayern
IN VIA Bayern e.V.
Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit

Gesundheit vieler Hilfesuchender leidet massiv

Ministerin Gerlach besucht Bahnhofsmission Würzburg 2 Foto StMGP kleinWürzburg/München. Die Zahlen steigen dramatisch: Immer mehr Menschen, die Hilfe in den bayerischen Bahnhofsmissionen suchen, leiden unter schweren gesundheitlichen Problemen – psychisch wie physisch. Bei ihrem Besuch der Bahnhofsmission Würzburg informierte sich Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach am 14. Januar über diese Entwicklung und die wachsenden Herausforderungen der zwölf bayerischen Stationen. „Die Bahnhofsmissionen leisten einen wichtigen Beitrag zur sozialen Infrastruktur im Freistaat und verdienen höchste Wertschätzung“, betonte die Ministerin.

Die Einrichtungen verzeichnen seit Jahren einen deutlichen Anstieg der Gästezahlen und des Unterstützungsbedarfs. „Die Entwicklung zeigt, dass niederschwellige Hilfsangebote wie die Bahnhofsmissionen für immer mehr Menschen überlebenswichtig werden“, so Michelle Agler (IN VIA Bayern) und Harald Keiser (Diakonisches Werk Bayern) von der Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen.

Im Austausch mit Verantwortlichen vor Ort wurde deutlich, welche zentrale Rolle die Bahnhofsmissionen im gesundheitlichen Versorgungssystem spielen. „Viele unserer Gäste leben am Rand der Gesellschaft, sind aus allen sozialen Sicherungssystemen gefallen – manche sogar ohne Krankenversicherung“, berichteten Michael Lindner-Jung und Johanna Anken von der Würzburger Bahnhofsmission. Niedrigschwellige Unterstützung sei deshalb unverzichtbar: „Wir bauen Barrieren ab und bringen Menschen überhaupt erst wieder an die richtigen Stellen, wo sie medizinisch versorgt werden können.“

Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach betonte: „Die bayerischen Bahnhofsmissionen sind wichtige Anlaufstellen und erreichen auch Menschen, die sich in sozialen Ausnahmesituationen befinden und daher Schwierigkeiten haben, sich selbst Zugang zum regulären Gesundheitssystem zu verschaffen. Damit helfen sie, zum Beispiel auch Obdachlose rechtzeitig in geeignete medizinische und psychosoziale Unterstützungsangebote weiterzuleiten. Mit Blick auf psychischen Hilfebedarf ist es unser Ziel, die Bahnhofsmissionen noch stärker mit psychosozialen Angeboten wie den Krisendiensten Bayern zu vernetzen, damit Hilfesuchende möglichst schnell die passende Unterstützung bekommen.“ 

Die Bahnhofsmissionen fungieren dabei häufig als erste – und nicht selten auch als letzte – Anlaufstelle. So sind nicht nur die Gästezahlen bayernweit von 2019 bis 2024 selbst an kleineren Standorten in Bayern um mehr als 60 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat sich die Problemlage deutlich verschärft: Erste Auswertungen für 2025 zeigen, dass immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen, körperlichen Leiden, Suchterkrankungen und Behinderungen in die Anlaufstellen kommen.

Auch Altersarmut und Einsamkeit wirken sich zunehmend auf die Gesundheit aus – allein der Anteil der Gäste über 65 Jahre ist im Vergleich zum Jahr 2024 um ein Viertel gestiegen, so eine Zwischenbilanz.

In der Praxis bedeutet das: Armutsversorgung, Krisenintervention und gesundheitliche Ansprache dominieren vielerorts den Alltag. Zugleich wird die Vermittlung in weiterführende Hilfesysteme schwieriger, da viele Gäste gar keinen regulären Zugang mehr zum Gesundheitswesen haben. „Teilweise braucht es echte Detektivarbeit“, so die Würzburger Verantwortlichen. Als Beispiel nannten sie, dass ein Krankenhaus im Entlassbrief eines Gastes die Bahnhofsmission als „ultima ratio“ aufführte.


Ein Großteil dieser anspruchsvollen Arbeit wird von Ehrenamtlichen getragen. Die zunehmende Komplexität der Problemlagen erfordert jedoch intensive Schulungen, fachliche Begleitung und Entlastung. Durch die Sondermittel der bayerischen Staatsregierung konnten 2024 Ressourcen für die Ehrenamtskoordination in den Bahnhofsmissionen geschaffen werden. Dies sei ein wichtiger Schritt gewesen, betonte Harald Keiser vom Diakonischen Werk Bayern – angesichts der Entwicklung reiche dies aber nicht aus.

Die Sorge, die wachsenden Anforderungen dauerhaft nicht mehr bewältigen zu können, ist groß. „Die Bahnhofsmissionen geraten an ihre Grenzen. Ohne zusätzliche finanzielle Mittel sind sie in ihrer Existenz bedroht“, warnte im Vorfeld der Veranstaltung Hedwig Gappa-Langer, langjährige Referentin für Bahnhofsmissionen bei IN VIA Bayern. Umso größer sei die Wertschätzung für den Besuch der Ministerin: „Es ist ein wichtiges Signal, dass sich die Gesundheitsministerin Zeit nimmt und ein offenes Ohr für unsere Sorgen hat.“

Auch Rita Schulz, Vorständin von IN VIA Bayern, hob die Bedeutung des Besuchs hervor: „Wir schätzen die Unterstützung des Freistaats sehr. Der Termin hat gezeigt, dass die Frage einer langfristigen Absicherung der Arbeit der Bahnhofsmissionen – auch im Bereich Gesundheit – weiter im Blick bleiben sollte.“

„Die gesundheitlichen Aspekte der Arbeit der Bahnhofsmissionen sind längst kein Randthema mehr“, so Harald Keiser von der Diakonie, sondern ein zentraler Bestandteil in der Versorgung von besonders vulnerablen Gruppen. Als niedrigschwellige, äußerst kosteneffektive Einrichtungen sollten ihre Potenziale als Bausteine in der Gesundheitsversorgung angesichts explodierender Gesundheitskosten optimal genutzt werden.

Die Ministerin hob hervor: „Mein großer Dank gilt allen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der bayerischen Bahnhofsmissionen. Hier wird tagtäglich mit großer Kompetenz, viel Herz und persönlichem Einsatz gearbeitet."