Caritaspräsidentin: Klimawandel erhöht Bedeutung der Bahnhofsmissionen
Berlin/München. Der Klimawandel wird die Bahnhofsmissionen in Deutschland künftig vor neue Herausforderungen stellen. Darauf hat die Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Maria Welskop-Deffaa, bei der Session „Bahnhofsmission bewegt (seit) Generationen“ der bayerischen Bahnhofsmissionen auf dem Caritaskongress in Berlin hingewiesen. Hitzeperioden im Sommer, Kälte im Winter und die Folgen klimabedingter Migration würden die Bedeutung niedrigschwelliger Anlaufstellen weiter wachsen lassen, so Welskop-Deffaa am Freitag vergangener Woche.
Wie aktuell diese Einschätzung ist, zeigt bereits die jüngste Hitzewelle. Die Bahnhofsmissionen verstehen sich in diesen Tagen auch als Schutzräume vor den hohen Temperaturen und Sonne und versorgen ihre Besucherinnen und Besucher mit Trinkwasser. Dass der Unterstützungsbedarf kontinuierlich wächst, zeigen die aktuellen Zahlen: Die zwölf bayerischen Bahnhofsmissionen leisteten im vergangenen Jahr mehr als eine Million Hilfen bei rund 620.000 Kontakten – ein Plus von rund zehn Prozent gegenüber 2024.
Mit der Veranstaltung unter Federführung von IN VIA Bayern machte die Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern deutlich, dass die Hilfestationen seit mehr als 125 Jahren Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen begleiten – und dabei aktueller sind denn je.
Einen besonderen Auftakt setzte die Vorständin von IN VIA Bayern, Rita Schulz, die in die Rolle von Ellen Ammann schlüpfte. In historischer Kleidung ließ sie die Gründerin der ersten katholischen Bahnhofsmission in München lebendig werden und schlug den Bogen von den Anfängen der Bahnhofsmission bis in die Gegenwart.
Anschließend führte Michelle Agler, seit wenigen Monaten Referentin für die bayerischen Bahnhofsmissionen bei IN VIA Bayern, gemeinsam mit Dr. Gisela Sauter-Ackermann, langjährige Referentin auf Bundesebene, einen generationenübergreifenden Dialog über die Zukunft der Einrichtungen. Dabei wurde deutlich, warum das Angebot auch künftig unverzichtbar bleibt: Hilfe ist hier ohne Termin, ohne Anmeldung und unabhängig von der persönlichen Lebenssituation möglich. Mit einem Satz brachte Gisela Sauter-Ackermann die besondere Stärke der Bahnhofsmission augenzwinkernd auf den Punkt: „Der Vorteil der Bahnhofsmission ist, dass sie am Bahnhof ist.“ Dahinter steckte eine ernste Botschaft: Die Bahnhofsmission ist leicht zu finden, offen für alle und hält etwas bereit, das immer kostbarer wird – Zeit für Menschen.
Auch das generationenübergreifende Ehrenamt stand im Mittelpunkt des Austauschs. Während Michelle Agler die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten – von Reisehilfen über Gespräche bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit und Social Media – hervorhob, betonte Gisela Sauter-Ackermann den besonderen Wert gemischter Teams. Die Begegnung zwischen den Generationen bereichere alle Beteiligten und halte körperlich wie geistig fit.
Für bewegende Momente sorgte die Lesung von Geschichten aus dem Projekt „Wanderbank 2.0“, die Menschen aus den Bahnhofsmissionen eine Stimme gab. Wie nachhaltig die Unterstützung der Bahnhofsmission wirkt, bewiesen auch die spontanen Wortmeldungen aus dem Publikum: Eine Teilnehmerin berichtete, wie ihr die Bahnhofsmission vor vielen Jahren nach ihrer Ankunft aus Polen mit ihrem kleinen Kind geholfen hatte. Heute engagiert sie sich selbst in der Caritas. Ein weiterer Teilnehmer erinnerte an die wichtige Rolle der Bahnhofsmissionen bei der Unterstützung geflüchteter Menschen in den vergangenen Jahren.
Die große Resonanz und der intensive Austausch machten deutlich, dass die Bahnhofsmissionen nicht nur Reisehilfen bieten. Als niedrigschwellige Anlaufstellen reagieren sie auf gesellschaftliche Entwicklungen unmittelbar – ob Einsamkeit, Armut oder Flucht. Sie sind Orte der Begegnung, der Orientierung und der Menschlichkeit und werden angesichts dieser Herausforderungen weiter an Bedeutung gewinnen.
Passend zum Motto des Caritaskongresses „Zusammen geht was. Caritas verbindet Generationen.“ unterstrich die Session eindrucksvoll, dass Bahnhofsmission Menschen verbindet – seit Generationen.
Bahnhofsmissionen sind ein Angebot der christlichen Kirchen. Unterstützt werden die zwölf Bahnhofsmissionen in Bayern auch durch IN VIA Bayern und das Diakonische Werk Bayern. Die beiden Landesverbände sorgen für Austausch, Qualifizierung und Weiterentwicklung und koordinieren die Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern. Gefördert wird die Arbeit durch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Text: Annette Bieber