„Unsichtbare Heldinnen“ im Fokus
München. Sie bauen Brücken zwischen Menschen, Sprachen und Kulturen, schaffen Vertrauen in sensiblen Beratungssituationen und leisten wichtige Aufklärungsarbeit in ihren Communities: Sprach- und Kulturmittlerinnen spielen eine zentrale Rolle in der Prävention weiblicher Genitalbeschneidung (Female Genital Mutilation/Cutting – FGM/C). Dennoch bleibt ihr Engagement oft unsichtbar. Wie wichtig ihre Arbeit ist, wurde beim ersten bayernweiten Treffen von FGM/C-Sprach- und Kulturmittlerinnen deutlich, zu dem IN VIA Bayern e. V., Donna Mobile e. V. und Nala e. V. mit seiner Gründerin Fadumo Korn eingeladen hatten. Rund 50 Teilnehmerinnen kamen am 24. Juni im Münchner Rathaus zusammen, um Erfahrungen, Erfolge und Herausforderungen auszutauschen. Schon der Titel der Veranstaltung unterstrich die Bedeutung der oft im Hintergrund geleisteten Arbeit: „Unsichtbare Heldinnen: FGM/C Sprach- und Kulturmittler*innen im Fokus“.
„Für die Bekämpfung von FGM/C ist eine wirkungsvolle Zusammenarbeit mit den Communities von enormer Bedeutung“, betonte Katrin Layh von IN VIA Bayern in ihrer Begrüßung. Gemeint sind die sozialen und familiären Netzwerke, in denen Prävention besonders wirksam ansetzen kann. Sprach- und Kulturmittlerinnen leisteten hier wertvolle Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit und seien oft die ersten Ansprechpartnerinnen für betroffene Frauen. Ihre Aufgabe sei anspruchsvoll und auch belastend: etwa, wenn sie traumatische Erfahrungen übersetzen oder schwierige medizinische Diagnosen vermitteln müssten.
Zugleich wurden zahlreiche Erfolge und Good-Practice-Beispiele sichtbar. Viele Teilnehmerinnen berichteten, dass sie durch die Multiplikatorinnen-Schulungen und ihre Einsätze mehr Selbstbewusstsein für ihre Arbeit gewonnen hätten. Die Schulungen vermittelten nicht nur Fachwissen und die sprachlichen Werkzeuge für sensible Gespräche, sondern stärkten sie auch darin, ihre professionelle Rolle und ihre eigenen Grenzen sicher wahrzunehmen. Heute gingen sie mutiger in schwierige Gespräche oder Begleitungen zu Behörden- und Arztterminen. Andere hoben die positiven Erfahrungen mit Frauencafés als geschützten Orten für Begegnung und Austausch hervor. Oder schilderten praktische Wege, Frauen den Zugang zu medizinischer Versorgung zu erleichtern.
Wie zentral Vertrauen für ihre Arbeit ist, wurde auch in den Stimmen der Multiplikatorinnen deutlich. „Wichtig ist der Vertrauensaufbau und immer ein offenes Ohr für die Klientinnen zu haben“, erklärte eine Teilnehmerin. Eine andere ergänzte: „Ratsam ist es auch, sich vorher schon mit den Frauen zu treffen, um die Situation einordnen zu können.“ Einigkeit bestand zudem darüber, dass gute Netzwerke unverzichtbar sind: „Dann können wir die Frauen schnell an die richtigen Stellen weiterleiten.“
Für den musikalischen Rahmen sorgte die Sängerin Sanda Vucic mit kraftvollen Liedern über Stärke, Mut und Zusammenhalt von Frauen. So wurden die „unsichtbaren Heldinnen“ an diesem Tag nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar.
Ein besonderer Moment war der Besuch der Münchner Bürgermeisterin Verena Dietl. Trotz eines vollen Terminkalenders und ihres Geburtstags ließ sie es sich nicht nehmen, die Veranstaltung zu besuchen. Die Teilnehmerinnen bedankten sich mit einem spontanen Geburtstagsständchen.
Begleitet wurde die Veranstaltung von der Filmemacherin Ina Chi, die Stimmen und Erfahrungen der Teilnehmerinnen dokumentierte. Der entstehende Film soll dazu beitragen, die Perspektiven der Multiplikatorinnen sichtbar zu machen und ihre wichtige Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Der Caritas-Fachverband IN VIA Bayern ist Teil des bayerischen Beratungs- und Präventionsnetzwerks gegen FGM/C und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales gefördert. In Bayern leben nach Schätzungen von Terre des Femmes mehr als 20.000 von FGM/C betroffene oder gefährdete Mädchen und Frauen.
Text: Annette Bieber