Standing up against FGM/C: Gemeinsam gegen weibliche Genitalbeschneidung
München. Wie kann die Arbeit gegen weibliche Genitalbeschneidung (FGM/C) wirksam gestaltet werden? Welche Rolle spielen Multiplikator:innen und Sprach- und Kulturmittler:innen in den Communities? Und wie können künftig noch mehr Menschen für das Thema sensibilisiert werden? Diesen Fragen widmete sich der Praxistag „Standing up against FGM/C: Aktivist:innen und Multiplikator:innen im Gespräch“, den IN VIA Bayern e. V. in Kooperation mit der Hanns-Seidel-Stiftung in München veranstaltete.
Die Relevanz des Themas hat Deutschland längst erreicht. Nach Schätzungen von Terre des Femmes leben allein in Bayern mehr als 20 000 von FGM/C betroffene oder gefährdete Mädchen und Frauen. IN VIA Bayern ist Teil des Bayerischen Beratungs- und Präventionsnetzwerks gegen FGM/C und wird bei seiner Arbeit vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales gefördert.
Fünf Jahre Netzwerk gegen FGM/C
Dr. Christiane Nischler-Leibl, Leiterin der Abteilung für Frauenpolitik, Gleichstellung und Prävention im Sozialministerium, begleitet das Netzwerk von Beginn an. Im Gespräch mit Katrin Layh, Projektleiterin bei IN VIA Bayern, betonte sie, wie erfreulich es sei, dass sich zunehmend Frauen aus Ländern, in denen FGM/C verbreitet ist, aktiv an der Präventionsarbeit beteiligen und ihre Stimme gegen die Praxis erheben. Ihre Vernetzung und ihr Engagement seien wichtige Schritte, um betroffene Frauen und Mädchen besser zu erreichen und zu unterstützen. Gleichzeitig bleibe es eine Herausforderung, das Thema noch stärker in die Breite zu tragen und alle relevanten Zielgruppen zu erreichen.
Multiplikator:innen als Brücken in die Communities
Wie wichtig diese Arbeit ist, wurde beim Podium mit Emru Bishar, Saada Guireh, Fadumo Korn, Ntailan Lolkoki und Rahma Abdi deutlich. Die Teilnehmerinnen berichteten von ihren Erfahrungen in Beratung, Prävention und Community-Arbeit und gaben persönliche Einblicke in die Folgen von FGM/C.
Dabei wurde deutlich: Vertrauen, Zeit und kultursensible Kommunikation sind entscheidend, um Frauen und Mädchen zu erreichen. Multiplikator:innen und Sprach- und Kulturmittler:innen übernehmen eine wichtige Brückenfunktion zwischen Communities, Beratungsstellen und weiteren Fachkräften. Gleichzeitig kann die Arbeit emotional sehr belastend sein, wenn sie mit traumatischen Erfahrungen und schweren Schicksalen konfrontiert werden.
Die bekannte Menschenrechtsaktivistin Fadumo Korn unterstrich die Bedeutung von Multiplikatorinnen als Schlüsselfiguren in ihren Communities. Sie müssten mit ihren Kompetenzen und Ressourcen wahrgenommen werden und dürften nicht auf ihr „Migrantinnendasein“ reduziert werden.
Menschenrechte und Empowerment
Susanne Breit-Keßler, stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung und Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates, unterstrich in ihrem Grußwort die menschenrechtliche Dimension von FGM/C. Die Praxis verletze das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Gesundheit und Selbstbestimmung. Umso wichtiger sei es, betroffene Frauen und Mädchen zu stärken und gemeinsam mit den Communities an Veränderungen zu arbeiten.
Der Praxistag bot dafür vielfältige Möglichkeiten: An Dialog-Inseln kamen die Teilnehmenden direkt mit Multiplikatorinnen ins Gespräch und diskutierten konkrete Erfahrungen aus der Praxis. Sanda Vucic gab dem Abend einen kraftvollen musikalischen Abschluss. Beim anschließenden gemeinsamen Buffet wurde weiter diskutiert und genetzwerkt.
Das Fazit: Der Kampf gegen FGM/C braucht starke Netzwerke, Wissen, Vertrauen und Menschen, die bereit sind zuzuhören. Die Arbeit der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ist dabei unverzichtbar. Für die kommenden Jahre gilt es, diese Strukturen weiter zu stärken, das Thema noch stärker in die Breite zu tragen und insbesondere auch mehr Männer für die Präventionsarbeit zu gewinnen. (Text: Annette Bieber)